Liebe Führungskräfte: Ihre Mitarbeitenden lernen nicht, weil sie nicht können – sondern weil sie nicht dürfen
Ich saß vor einiger Zeit mit Sandra Bergmann zusammen, einer engagierten Pflegedienstleitung eines großen Klinikverbunds. Wir sprachen über das, was sie das „Fortbildungs-Paradoxon“ nannte. „Michael“, sagte sie und rieb sich müde die Schläfen, „wir müssen unsere Leute schulen, die Anforderungen steigen täglich. Aber ich weiß nicht, wie. Jeder Tag, den eine Pflegekraft auf einem Seminar verbringt, reißt ein Loch in den Dienstplan, das kaum zu stopfen ist. Die Ausfallkosten sind enorm, und die gesetzliche 11-Stunden-Ruhezeit macht es unmöglich, jemanden nach einem Seminar am nächsten Morgen wieder einzuplanen.“
Ihre Worte hallen bei mir nach, denn sie bringen ein Dilemma auf den Punkt, das ich seit Jahren in unzähligen Organisationen beobachte. Wir investieren in teure Lernplattformen, bieten Kataloge voller Kurse an und wundern uns dann, warum die Lernkurve flach bleibt. Wir appellieren an die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden, doch übersehen dabei die massiven strukturellen Barrieren, die wir selbst errichtet haben. Die Wahrheit ist oft unbequem: Die Menschen wollen lernen. Sie sind neugierig, wissbegierig und motiviert. Doch der Rahmen, den wir ihnen geben, erstickt diesen natürlichen Impuls.
Das Hamsterrad der Tagesdidaktik
Seit über 35 Jahren begleite ich Menschen und Unternehmen in Lernprozessen. Ich habe die Entwicklung von Präsenzseminaren zu E-Learning und Blended Learning miterlebt. Doch eines hat sich kaum verändert: Unser Denken ist fest in der Tagesdidaktik verankert. Lernen, so die unausgesprochene Annahme, findet zwischen 9 und 17 Uhr statt, in einem Konferenzraum oder vor einem Bildschirm, während das Tagesgeschäft unerbittlich weiterläuft.
Genau hier liegt die Krux. Für eine Pflegekraft wie die aus Sandras Team, für einen IT-Spezialisten in der nächtlichen Serverwartung oder für eine Produktionsmitarbeiterin im Schichtbetrieb ist dieses Modell schlichtweg eine Zumutung. Ein Tagesseminar bedeutet nicht nur, acht Stunden lang konzentriert zuzuhören. Es bedeutet eine Anreise im Berufsverkehr, das ständige Gefühl, die Kolleginnen und Kollegen im Stich zu lassen, und die mentale Last des „Attention Residue“, wie die Forscherin Sophie Leroy es nennt – unsere Gedanken hängen noch an der unerledigten Arbeit, während wir versuchen, Neues aufzunehmen.
Das Ergebnis ist ein kognitiver Spagat. Das Cortisol, unser Aktivitätshormon, ist auf Hochtouren, der Kopf ist im exekutiven Modus. Wir versuchen, Wissen aufzunehmen, während unser System auf Problemlösung im Hier und Jetzt getrimmt ist. Wir zwingen die Menschen in ein Lernformat, das ihrer Lebens- und Arbeitsrealität widerspricht, und wundern uns dann über mangelnden Transfer und fehlende Begeisterung. Wir behandeln Weiterbildung wie einen externen Störfaktor, den es irgendwie in den vollen Arbeitsalltag zu pressen gilt, anstatt sie als integralen Bestandteil der Arbeit selbst zu begreifen.
Die ungenutzte Ressource der Nacht
Was wäre, wenn wir das Problem von einer völlig anderen Seite betrachten? Was wäre, wenn der beste Zeitpunkt zum Lernen nicht der hektische Tag, sondern die ruhige, ungestörte Nacht ist? Als ich vor Jahren begann, mich mit den neurobiologischen Grundlagen des Lernens zu beschäftigen, stieß ich auf ein faszinierendes Phänomen: die kognitive Verschiebung, die nachts in unserem Gehirn stattfindet. Wenn das Cortisol sinkt und das Melatonin steigt, schaltet unser Gehirn in einen anderen Modus. Das Default Mode Network, zuständig für Selbstreflexion und kreative Verknüpfungen, wird aktiv. Wir werden empfänglicher für neue Ideen und tiefere Einsichten.
Aus diesen Erkenntnissen ist die Methode des Luziden Lernens entstanden, ein Ansatz, der die Nacht als wertvollstes und ungenutztes Bildungskapital begreift. Es geht nicht darum, den Schlaf zu opfern – im Gegenteil, Schlaf ist als Konsolidierungsphase heilig. Es geht darum, die stillen, wachen Stunden zu nutzen, die viele Menschen, insbesondere im Schichtdienst, ohnehin haben. Mehr über die wissenschaftlichen Hintergründe und die vier Säulen dieses Konzepts können Sie auf luzides-lernen.de nachlesen.
Für Organisationen wie den Klinikverbund von Sandra Bergmann haben wir daraus eine konkrete, logistische Lösung entwickelt: die Nachtakademie. Stellen Sie sich vor, Ihre Mitarbeitenden lernen nicht trotz, sondern wegen ihres Schichtplans. Sie nutzen die ruhigen Stunden, wenn das Telefon schweigt und keine E-Mails aufploppen, um sich in einer kleinen, moderierten Gruppe oder allein auf eine fokussierte Lerneinheit zu konzentrieren. Die Ausfallkosten entfallen, die 11-Stunden-Ruhezeit wird zum Freund statt zum Feind, und das Gelernte kann durch den nachfolgenden Schlaf tief im Gedächtnis verankert werden. Es ist ein Paradigmenwechsel: von der erzwungenen Tagesfortbildung zur selbstbestimmten nächtlichen Reflexion.
Ich lade Sie ein, diesen Gedanken für einen Moment zuzulassen. Was würde sich in Ihrer Organisation verändern, wenn Sie Ihren Mitarbeitenden nicht nur sagen, dass sie lernen sollen, sondern ihnen auch den Raum und die Zeit dafür geben, wann es für sie am besten passt? Vielleicht ist die Lösung für Ihr Fortbildungs-Paradoxon nur eine schlaue Nacht entfernt.





