Warum ich nach 35 Jahren als Trainer alles infrage gestellt habe

Es ist spät, oder früh, je nachdem, wie man es betrachtet. Draußen herrscht die tiefe Stille der Nacht, nur unterbrochen vom leisen Rauschen der Blätter im Wind. Auf meinem Schreibtisch wirft eine alte Lampe einen warmen, bernsteinfarbenen Lichtkreis auf ein aufgeschlagenes Notizbuch. Daneben eine Tasse Tee, deren Dampf langsam zur Decke steigt. In diesen Stunden, in denen die Welt zur Ruhe kommt, finde ich oft die größte Klarheit. Und in einer solchen Nacht begann ich, 35 Jahre meines Berufslebens als Trainer und Berater mit neuen Augen zu sehen.

Seit 1989 stehe ich vor Gruppen. Ich habe mit Vorständen gearbeitet, mit Pflegekräften, mit IT-Spezialisten. Ich durfte von den Besten lernen, von Friedemann Schulz von Thun und der unvergesslichen Vera F. Birkenbihl. Ich habe unzählige Seminare konzipiert und gehalten, immer mit dem Ziel, Menschen wirklich zu erreichen und ihnen Werkzeuge für ihre Entwicklung an die Hand zu geben. Und lange Zeit hatte ich das Gefühl, dass dies auch gelang. Doch in den letzten Jahren schlich sich ein leises, aber hartnäckiges Gefühl der Frustration in meine Arbeit.

Das leise Surren der Ablenkung

Es war kein plötzlicher Bruch, eher ein schleichender Prozess. Ich bemerkte es an den Blicken. Blicke, die immer öfter nach unten wanderten, zu den kleinen leuchtenden Bildschirmen unter dem Tisch. Ich hörte es am leisen Vibrieren der Smartphones, das eine unsichtbare, aber spürbare Unruhe in den Raum trug. Die berühmte „letzte dringende E-Mail“, die noch vor der Mittagspause beantwortet werden musste, wurde zum ständigen Begleiter in meinen Seminaren.

Früher war das Mittagstief der größte Feind. Diese bleierne Müdigkeit nach dem Essen, die jeden noch so spannenden Inhalt in ein fernes Murmeln verwandelt. Doch nun kam etwas Neues hinzu, etwas Subtileres. Ich lernte den Begriff Attention Residue kennen, die kognitive Last, die von einer unerledigten Aufgabe zur nächsten mitgeschleppt wird. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren körperlich anwesend, aber ihre Gedanken hingen noch in der E-Mail, die sie gerade beantwortet hatten, oder bei der Push-Nachricht, die soeben aufleuchtete. Ihre Aufmerksamkeit war fragmentiert, ein kostbares Gut, das ständig von der digitalen Welt zerpflückt wurde.

Ich sah die Erschöpfung in den Gesichtern. Menschen, die sich redlich bemühten, aber gegen eine unsichtbare Strömung ankämpften. Sie kamen mit dem ehrlichen Wunsch zu lernen, aber der Kontext des klassischen Tagesseminars – acht Stunden Präsenz, eingeklemmt zwischen Anreise, Abreise und dem alltäglichen digitalen Trommelfeuer – machte es ihnen schier unmöglich. Ich erzählte meine Geschichten, teilte meine besten Modelle und Methoden, doch ich spürte, wie die Energie im Raum immer wieder versickerte. Es war, als würde ich versuchen, ein Gefäß zu füllen, das unzählige kleine Risse hatte.

Die Erkenntnis in der Stille der Nacht

Jahrelang habe ich versucht, das Problem mit den Mitteln des Formats zu lösen. Mehr Interaktion, kürzere Einheiten, noch bessere Visualisierungen. Ich optimierte meine Didaktik, kämpfte um jede Minute Aufmerksamkeit. Doch der eigentliche Durchbruch kam, als ich aufhörte, die Schuld bei den Teilnehmern oder ihren Smartphones zu suchen. Der Moment der Erkenntnis war schmerzhaft und befreiend zugleich: Nicht die Menschen sind das Problem. Das Format ist es.

Das Tagesseminar, so wie wir es seit Jahrzehnten kennen, ist ein Relikt aus einer anderen Zeit. Es passt nicht mehr in unsere moderne, digitalisierte Arbeitswelt. Es ignoriert die neurobiologischen Realitäten von Aufmerksamkeit und Konzentration. Es zwingt Menschen in einen künstlichen Rahmen, der im Widerspruch zu den Anforderungen ihres Alltags steht. In dieser Erkenntnis lag der Keim für eine radikale neue Idee, die in vielen nächtlichen Gesprächen und Reflexionen zu dem wurde, was ich heute Luzides Lernen nenne. Ein Ansatz, der nicht gegen, sondern mit unserer inneren Uhr arbeitet und die ungestörte Stille der Nacht als wertvollstes Bildungskapital begreift. Die Methode basiert auf vier zentralen Säulen, die einen Rahmen für selbstbestimmtes und tiefes Lernen schaffen. Mehr über diese Philosophie und die wissenschaftlichen Hintergründe können Sie auf luzides-lernen.de entdecken.

Diese neue Perspektive veränderte alles. Statt zu fragen, wie ich die Aufmerksamkeit am Tag erzwingen kann, begann ich zu fragen: Wann ist der Geist von Natur aus am ruhigsten und aufnahmefähigsten? Die Antwort führte mich in die Nacht. Für Organisationen, die unter dem massiven Problem von Fortbildungsausfällen und Schichtplan-Konflikten leiden, wurde daraus eine konkrete Lösung. Wir haben einen Weg gefunden, Weiterbildung nicht nur effektiver, sondern auch logistisch intelligenter zu gestalten. Für Unternehmen, Kliniken und HR-Abteilungen haben wir deshalb die Nachtakademie ins Leben gerufen, die genau hier ansetzt.


Es war ein langer Weg, diese alten Pfade zu verlassen. Aber heute, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und in die stille Nacht blicke, empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit für diesen Moment des Infragestellens. Es hat nicht nur meine Arbeit, sondern auch mein Verständnis vom Lernen selbst von Grund auf verändert. Vielleicht ist es an der Zeit, dass auch Sie Ihre gewohnten Lernformate hinterfragen. Ich lade Sie ein, diesen Gedanken mitzunehmen.

Kategorien: Hinter den Kulissen /

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